Kann ich

Kann ich, ich selber bleiben? Darf ich?
Ich mich auf meine Werte freuen?
Auf das, was mir wichtig ist, freuen?
Auf meine Seelen-Räume freuen?
Mein gesundes, friedliches, langsames Lebenstempo geniessen?
Auf mein effizientes Arbeitsknowhow zählen?
Auf mein nicht konsum-orientiertes Leben freuen?
Mich retten?
Meine Lieblingssängerin retten?
Meine Lieblingsgeschichte retten?
Meine Familie retten?
Wie lang bleibe ich ein Gefangener,
unsichtbar,
unhörbar,
vergessener,
ein unerwünschter Gast?
Eine Geisel der Politik
Ein Gebet im Rosenkranz der
Bürokratie?
Du, du hilfst bei einer Hilfsorganisation?
Ach so, für Flüchtlinge in Griechenland, …super!
Und hier?
Du willst mir helfen?
Du möchtest mir helfen?
Du würdest mir helfen?

Eventuell hilfst du mir schon?
Weisst du, wie?
Du fragst einen Freund…?
Nein, es ist zu kompliziert….
Dein Arm liegt schon auf meiner Schulter –
Und ein Lächeln sitzt auf deinem Mund und eventuell bist du auch schon weg
Das Leben ist schön –
Das Leben ist einfach –
Das Leben ist Show!
Und eventuell verdammt kompliziert!
Macht nichts, vielen Dank, kein Problem.
Befreien möchte ich mich, befreien von meinem Schatten:
Ich, der Feind –
Ich, der ich ja vermutlich schlecht ausgebildet bin –
Ich, der sowieso kein Dialekt versteht –
Ich, der sicher falsch verstanden hat –
Ich, der mit der aggressiven Religion –
Ich, dem man nicht vertrauen kann –
Ich, der noch lernen muss –
Ich, der von Sozialhilfe lebt –
Ich, der sicher Probleme mit Frauen hat –
Ich, der die ganze Zeit zum falschen Gott betet –
Ich, dein Flüchtling –
Ich, nicht mehr ich selber –

Text : Davide Maniscalco
Photographer : Michael Waser, Audiovisual Producer

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