{"id":2476,"date":"2024-01-16T16:53:42","date_gmt":"2024-01-16T16:53:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/?p=2476"},"modified":"2024-01-16T16:53:42","modified_gmt":"2024-01-16T16:53:42","slug":"weil-immer-nur-der-moment-zaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/weil-immer-nur-der-moment-zaehlt\/","title":{"rendered":"Weil immer nur der Moment z\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">\u00abWeil immer nur der Moment z\u00e4hlt\u00bb<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"> Seit bald 20 Jahren finden jede Woche die offenen Proben der Theatergruppe Niemandsland statt. Wie l\u00e4sst sich in 1270 W\u00f6rtern erkl\u00e4ren, was die Gruppe so besonders macht? <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full is-resized is-style-circle-mask\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/de1f2939-manuela-zeller-150x150-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1357\" srcset=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/de1f2939-manuela-zeller-150x150-1.png 150w, https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/de1f2939-manuela-zeller-150x150-1-12x12.png 12w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> REPORTAGE <br> Manuela Zeller<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-28f84493 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Es ist Freitag, zehn nach sieben. Im ersten Stock des Kleinbasler Kultur- und Begegnungszentrums Union trudeln die ersten Mitglieder der Theatergruppe ein, begr\u00fcssen einander herzlich und schnappen sich von den Guetzli auf dem Tisch. Das Geplauder und Gel\u00e4chter erinnert an fr\u00fcher auf dem Pausenplatz, nur der Gummitwist fehlt. Das Training h\u00e4tte schon vor einer Viertelstunde beginnen sollen, noch fehlt die H\u00e4lfte der Gruppe. Davide Maniscalco versichert mir, dass ihn das Zusp\u00e4tkommen nervt, ansehen kann man ihm seinen \u00c4rger aber nicht. Schliesslich fordert der Theaterp\u00e4dagoge die rund f\u00fcnfzehn Frauen und M\u00e4nner auf, einen Kreis zu bilden, wartet, bis auch das letzte Handy weggelegt wurde und schaltet die Yogamusik ein.<br>Tisch, Katzenbuckel, Hund, Sonnengruss \u2013 das Yoga zum Aufw\u00e4rmen ist nicht bei allen Niemandsl\u00e4nderInnen beliebt, gerade die Lauten m\u00f6gen die stillen zehn Minuten nicht und signalisieren mit halblautem \u00e4chzen und seufzen, dass sie schon noch da sind, auch wenn sie gerade nichts sagen d\u00fcrfen. Die Leisen versenken sich w\u00e4hrenddessen in die Yogaposen und geniessen die letzten Momente in der Komfortzone, ehe sie sich w\u00e4hrend dem eigentlichen Theatertraining exponieren m\u00fcssen.<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><strong><strong>Oft proklamiert, selten gelebt<\/strong><\/strong><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Biografien in der Theatergruppe sind so vielf\u00e4ltig, wie die Menschen in Basel nun mal sind. Da gibt es jene mit den unbeschadeten Lebensl\u00e4ufen: Mit sinnvollen Ausbildungen, ausgesch\u00f6pftem Potenzial und hoffnungsvollen Jobaussichten, alle Freunde und engen Verwandten quicklebendig. Leute, die vor Zufriedenheit leuchten wie Nacht\u00adtischl\u00e4mpchen. Auf der anderen Seite des Spektrums dann jene, deren Existenzen nur noch rauchende Ruinen sind. Mit brutalen Fluchtgeschichten und so vielen Erinnerungen an Gewalt, Verlust und Willk\u00fcr, dass nur eiserner Optimismus und konsequent gute Laune hilft, um die Aussichtslosigkeit der aktuellen Lage zu vergessen. Und dann gibt\u2019s nat\u00fcrlich viele dazwischen, denen es meistens pr\u00e4chtig geht.<br>Herz und Hirn der Gruppe ist Davide Maniscalco, Theater- und Sozialp\u00e4dagoge. Er leitet Niemandsland seit 1999. Fr\u00fcher war das Theatertraining Teil seines Jobs als Jugendarbeiter, seit zehn Jahren leitet er die Trainings auf ehrenamtlicher Basis. So habe er mehr Freiheit, erkl\u00e4rt er. Das ideologische Fundament der Theatergruppe ist der Grundsatz, dass alle willkommen sind. \u00abDas mag banal klingen\u00bb, findet Davide, \u00abwird aber selten so gelebt\u00bb. Er hat recht, viele Orte gibt es nicht, an denen man Freundschaften mit den unterschiedlichsten Leuten schliessen kann, auch wenn man sich kaum ein Bier in einer Bar leisten kann. \u00abAnerkennung in der Gruppe\u00bb, findet er, \u00abist nur selbstverst\u00e4ndlich, solange man auf der Sonnenseite lebt\u00bb, und setzt demonstrativ sein Ich-fahre-mit-meinem-Porsche-durch-die City-Gesicht auf.<br>&nbsp;<br>&nbsp;<br>Nach der kurzen Yoga-Session beginnt der Block mit den Theater\u00fcbungen. Heute beschimpfen sich die TeilnehmerInnen in Zweiergruppen gegenseitig. Lautlos, aber mit steigender Intensit\u00e4t. Vom Nachbarshaus her schauen Zaung\u00e4ste zu und lachen \u00fcber das furchteinfl\u00f6ssende Gefuchtel. Die n\u00e4chste \u00dcbung macht ebenfalls Spass: Die Gruppe galoppiert im Kreis herum wie eine Horde assortierter Zirkustiere, die Person in der Mitte macht den Zirkusdirektor und gibt Anweisungen. \u00abNicht vormachen, f\u00fchren!\u00bb, korrigiert Davide. Der aktuelle Zirkusdirektor, der sehr gut Kurdisch und T\u00fcrkisch, aber noch wenig Deutsch spricht, schaut ratlos.<em>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong><strong>Viele Worte braucht es nicht<\/strong><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Dass die Theatergruppe Niemandsland je l\u00e4nger je mehr als Theatergruppe f\u00fcr Gefl\u00fcchtete verstanden wird, ist nicht Absicht, sondern Abbild aktueller gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen. Seitdem viele gefl\u00fcchtete Menschen in und um Basel wohnen, ist Arabisch die zweitwichtigste Sprache geworden in der Gruppe. Zwischen einigen wenigen Niemandsl\u00e4nderInnen besteht der gemeinsame Wortschatz aus ein paar hundert W\u00f6rtern. Die Konversationen beschr\u00e4nken sich dann auf&nbsp;freundschaftliche Nachfragen, ob\u2019s gut gehe und wie der Tag gewesen sei. Trotzdem ist eine Verbundenheit sp\u00fcrbar. Eine wahre Freude f\u00fcr alle, die nach Beispielen f\u00fcr gelungene Integration oder Inklusion suchen.<br><em>&nbsp;<br>&nbsp;<br><\/em>Dass die Gruppe funktioniert, hat viel mit den Einstellungen vor Vorstellungen von Davide zu tun. Auff\u00e4llig an ihm ist seine F\u00e4higkeit, furchtlos und unvoreingenommen auf unbekannte Menschen zuzugehen. M\u00f6glicherweise hat seine Offenheit mit seinem ersten Job als Theaterp\u00e4dagoge zu tun. Nachdem er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, sei er als Jugendarbeiter angestellt worden. Und zwar in einem Slum in seiner Heimatstadt Palermo. \u00abDas Quartier war zwar Teil der Stadt, hatte aber nichts zu tun mit der Stadt, wie ich sie seit meiner Kindheit kannte.\u00bb In diesem Stadtteil, selber so gross wie eine Schweizer Kleinstadt, habe es keinerlei Infrastruktur gegeben und kaum Regeln. \u00abWer aus diesem Quartier kam, bekam in ganz Palermo keinen Job.\u00bb Stattdessen h\u00e4tten die \u00e4lteren Kinder und Jugendlichen Geld mit Drogentransporten verdient. \u00abDie M\u00e4dchen trauten sich kaum, in die Schule zu gehen, aus Angst, vergewaltigt zu werden.\u00bb In diesem Quartier also habe er in einer alten Villa Aktivit\u00e4ten mit vorbestraften Jugendlichen durchgef\u00fchrt, unter anderem auch Theater. \u00abIn den ersten Wochen wurde wirklich alles gestohlen, was \u00fcberhaupt gestohlen werden kann, sogar der Wasserhahn\u00bb, erinnert sich Davide Maniscalco. Die Arbeit sei wahnsinnig anspruchsvoll gewesen, aber manchen habe es vermutlich geholfen. Zwei Jahre lang habe er den Job gemacht, bald darauf sei er nach Basel ausgewandert. An seine Herkunft erinnert ein anarchistischer Mix aus Schweizerdeutsch und Hochdeutsch mit italienisch-sizilianischer W\u00fcrze. Das Gegenteil von laut heisst \u00ableisig\u00bb und aus dem Therapeut wird ein \u00abTherapist\u00bb.&nbsp; Teilhabe, l\u00e4sst sich beim Zuh\u00f6ren erahnen, geht eben auch ohne die totale Assimilation.<br><em>&nbsp;<br>&nbsp;<br><\/em>Dass die Theatergruppe so lange bestehen w\u00fcrde, h\u00e4tte er damals weder geahnt noch geplant, erinnert sich Davide. \u00abIch plane sowieso nicht weiter als ein Jahr voraus\u00bb. Aber solange etwas funktioniere, gebe es ja auch keinen Grund, damit aufzuh\u00f6ren. Ausserdem sei er s\u00fcchtig geworden nach Niemandsland, \u00abweil sich Menschen begegnen und sich offenbaren, weil nichts vorhersehbar ist und immer nur der Moment z\u00e4hlt\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Politik im Theater<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Zu Konflikten kommt es dabei selbstverst\u00e4ndlich auch. Inzwischen wird \u00fcber die Ohrfeige von vor einem Jahr gelacht, Reaktion auf eine missratene Vertrauens\u00fcbung. Schwierige Themen gibt es aber immer noch. Obwohl oder gerade weil sich die Gruppe so nahe kommt, gewinnen individuelle Grenzen an Bedeutung. Bed\u00fcrfnisse mit Liebe und Respekt zu kommunizieren, ist nicht immer einfach. \u00abAb und zu kommt es vor, dass es nach einer \u00dcbung ein kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch braucht zwischen einzelnen Personen\u00bb, erz\u00e4hlt Davide Maniscalco unbek\u00fcmmert. \u00abAls wir zum Beispiel diese \u00dcbung mit den H\u00e4nden gemacht hatten, das wurde f\u00fcr manche sehr emotional.\u00bb<br>&nbsp;<br>Der Theaterp\u00e4dagoge versteht sein Engagement in der Gruppe durchaus als politisch. \u00abWo wird Politik gemacht, wenn nicht im Theater?!\u00bb Einerseits w\u00fcrde in der Gruppe die Utopie vom statusfreien Raum gelebt, anderseits w\u00fcrden immer wieder St\u00fccke mit einer politischen Message auf die B\u00fchne gebraucht. Im letzten Sommer war es \u2039This Is Not My Story\u203a: Die zahlreichen Fluchtgeschichten innerhalb der Gruppe wurden zur fiktiven Reise von Samir verflochten, der Freunde und Familie in Syrien verliess, um in der Schweiz dann letztlich doch wenig Hoffnung zu finden. Im n\u00e4chsten St\u00fcck soll es weniger explizit ums Weggehen und Ankommen gehen, die Gruppe bastelt gerade Masken.<br>&nbsp;<br>Um 23 Uhr ist das Theatertraining vorbei. Wie jede Woche dauert es mindestens eine halbe Stunde, ehe die Frage gekl\u00e4rt ist, wo es jetzt hingeht. Die einen wollen zusammen tanzen, die anderen nach Hause gehen und schlafen, manche ein Glas Wein trinken oder einfach an Ort und Stelle ein bisschen plaudern. Manchmal wird es schon wieder hell, bis alle Niemandsl\u00e4nderInnen in ihren Betten liegen. Je nach Biographie im Einfamilienhaus, im Sechserzimmer der Fl\u00fcchtlingsunterkunft, in der frisch renovierten Altstadtwohnung oder in der StudentInnen-WG.<br>&nbsp;<br>*Manuela Zeller ist Praktikantin beim P.S. und Mitglied der Theatergruppe. Sie mag die Gruppe viel zu gerne, um objektiv dar\u00fcber zu berichten. Ein Bild aus einer Theaterprobe befindet sich auf der Titelseite dieser Beilage.<br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.pszeitung.ch\/weil-immer-nur-der-moment-zaehlt\/\" target=\"_blank\">\u00abWeil immer nur der Moment z\u00e4hlt\u00bb<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abWeil immer nur der Moment z\u00e4hlt\u00bb Seit bald 20 Jahren finden jede Woche die offenen Proben der Theatergruppe Niemandsland statt. Wie l\u00e4sst sich in 1270 W\u00f6rtern erkl\u00e4ren, was die Gruppe so besonders macht? Es ist Freitag, zehn nach sieben. 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