{"id":258,"date":"2021-08-27T16:48:14","date_gmt":"2021-08-27T16:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/?p=258"},"modified":"2024-01-16T16:36:17","modified_gmt":"2024-01-16T16:36:17","slug":"dieses-mal-moechte-ich-etwas-anderes-erzaehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/dieses-mal-moechte-ich-etwas-anderes-erzaehlen\/","title":{"rendered":"\u201eDieses Mal m\u00f6chte ich etwas anderes erz\u00e4hlen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group has-global-padding is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\">\u201eDieses Mal m\u00f6chte ich etwas anderes erz\u00e4hlen\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Der utopische Raum bietet Gefl\u00fcchteten wie Mohamed und Mahmoud M\u00f6glichkeiten, ihre Tr\u00e4ume in kreativen Widerstand zu verwandeln, wenn sie der Arbeitsmarkt nicht auff\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-thumbnail is-resized is-style-circle-mask\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/b87d9896-f_sidebar-150x150-1-150x150.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1358\" srcset=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/b87d9896-f_sidebar-150x150-1.jpg 150w, https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/b87d9896-f_sidebar-150x150-1-12x12.jpg 12w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> REPORTAGE UND BILDER<br>Martin B\u00f6hnel <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Mehrheit der Zuschauerinnen macht es sich behelfsm\u00e4ssig auf Holzhockern bequem. Wir sitzen im Freien und schauen auf eine im Triumphbogenstil konzipierte B\u00fchne im Holzparkgel\u00e4nde am Kleinh\u00fcninger Rheinufer. Die Theatergruppe Niemandsland gastiert mit einem Auftritt im Rahmen des Imagine Festivals. Die Hitze dr\u00e4ngt uns an diesem Nachmittag dicht an den Schatten spendenden B\u00fchnenrand. Kalte Getr\u00e4nke werden unter den Zuschauerinnen gereicht. Auf der B\u00fchne l\u00e4dt Davide, k\u00fcnstlerischer Leiter und ausgebildeter Theaterp\u00e4dagoge zur heutigen Performance ein. Auch ihm klebt der Schweiss auf der Stirn, er l\u00e4sst sich dadurch aber nicht beirren. Wie alle Schauspielerinnen tr\u00e4gt auch Davide schwarze Hose und weisses Hemd. Wir spielen heute einen Ausschnitt aus der letztj\u00e4hrigen Produktion \u201eThis is not my story\u201c, in der wir k\u00fcnstlerisch eine Fluchtgeschichte erz\u00e4hlten. Diese haben wir mit neuen Elementen erweitert. Lassen Sie sich \u00fcberraschen, sagt er und verschwindet in einem Gewimmel aus weissen Masken, die sich wild durcheinander gestikulierend und von Trommelschl\u00e4gen begleitet langsam in Bewegung setzen. In der Masse sticht eine Maske hervor. Sie bildet einen Kontrast. Die Maske zieren einzelne W\u00f6rter und S\u00e4tze; aus der Ferne wird das Wort Traum sichtbar. Die anderen Masken umkreisen sie ohne diese zu ber\u00fchren und dr\u00e4ngen sie in eine auf Menschenh\u00f6he zur H\u00e4lfte ge\u00f6ffnete Kiste. Diese l\u00e4sst wenig Bewegungsfreiheit zu und wirkt nicht gerade einladend. Zuoberst h\u00e4ngt eine Gl\u00fchbirne. Alle Masken richten den Blick auf die Gestalt in der Kiste. Diese blickt nun auf die Zuschauerinnen, wartet und zieht bed\u00e4chtig die Maske nach hinten \u00fcber die Stirn. Stille erf\u00fcllt die B\u00fchne. Darf ich mich selbst sein? Wie lange bleibe ich noch ein Unsichtbarer, doppelt diese nach. Es ist Mahmoud und er l\u00e4sst mit einer weiteren Ansage nicht lange auf sich warten. Das Leben ist eine Show und manchmal verdammt kompliziert, stellt Mahmoud fest. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen, wie recht er doch hat mit seinem Statement. Wieder Stille, Mahmoud setzt nochmal an; Ich, der von Geldern der Sozialhilfe lebt. Ich, der ein Problem mit Frauen hat. Ich, der noch viel lernen muss. Ich, der die ganze Zeit den falschen Gott anbetet. Ich, der Gefl\u00fcchtete, ich, der nicht mehr sich selbst ist. Mahmoud zieht die Maske \u00fcber die Stirn und macht einen Schritt aus der Kiste. Weisse Gestalten verschlingen ihn, als w\u00e4re er ein kenterndes Schiff in Mitten tobender Wellen, welches vom Ozean endg\u00fcltig verschluckt wird. Trommelschl\u00e4ge erklingen; auf der B\u00fchne kommt es zum Szenenwechsel. Arzt und Fl\u00fcchtling sitzen sich auf Holzkisten r\u00fccklings gegen\u00fcber. Der n\u00e4chste, der n\u00e4chste, ruft der Arzt. Und Sie sind eh, Sie sind Samir? Ja, erwidert dieser. Ich lese in meinen Dokumenten, sie w\u00fcrden an der Demokratiekrankheit leiden. Schweigen. Der Arzt nimmt ein Messband zur Hand und misst damit das Fortschreiten der Krankheit. Nachdenklich stellt dieser fest, die Diagnose sei eindeutig, er w\u00fcrde in der Tat an der Demokratiekrankheit leiden. Der Arzt stellt Samir ein Rezept aus. Er solle wiederkommen, wenn die Vorr\u00e4te ausgehen, denn er h\u00e4tte noch gratis Reserven im Schrank. Der n\u00e4chste, der n\u00e4chste. Fl\u00fcchtling und Arzt nehmen r\u00fccklings gegen\u00fcber Platz. Sie sind Mahmoud? Ja. Und, woran fehlt es Ihnen? Ja, ich arbeite den ganzen Tag f\u00fcr wenig Geld und verdiene am Ende des Monats nur 400 Franken. Hmm, schwierig, und gehen Sie zur Schule? Schweigen. Ah ja stimmt, Sie machen einen Deutschkurs Niveau A1. Erneut Schweigen. Hmm, ja, ich h\u00e4tte Ihnen da schon etwas anzubieten. Sie k\u00f6nnten mit Fidel spazieren gehen, das ist der Hund unseres Nachbarn, aber nicht nach Deutschland, Sie verstehen doch. Die Auswahl zwischen Sozialhilfe, \u00e4rztlichen Abkl\u00e4rungen und Billigjobs bestimmen Samirs und Mahmouds Alltag. F\u00fcr viele ist es eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die nur einen Kilometer Luftlinie entfernte Grenze zu \u00fcberqueren, f\u00fcr Mahmoud und Samir ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Ich, der nicht mehr ich selbst bin, berichtet Mahmoud. Das Theaterspiel sei dann wie einmal Durchzuatmen von dieser Knasterfahrung, meint er und ringt sich ein Lachen ab.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Das Niemandsland <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Theatergruppe Niemandsland spiele an ungewohnten Orten, wird die Gruppe \u2013 anl\u00e4sslich der Wanderausstellung \u201eFluktuation \u2013 Geschichten unterwegs\u201c \u2013 im Internet beschrieben. Die Kulisse am heutigen Nachmittag best\u00e4tigt diesen Eindruck.<br>Die Theatergruppe entstand vor 18 Jahren und wird in der Zwischenzeit als F\u00f6rderverein organisiert. W\u00f6chentlich wird auf ehrenamtlicher Basis entweder unter der Leitung von Davide oder einem\/r der Schauspieler*innen im Basler Kultur und Begegnungszentrum Union geprobt.<br>Dadurch, dass jede und jeder mitmachen kann, sind in den letzten Jahren auch Gefl\u00fcchtete zur Theatergruppe gestossen, bekr\u00e4ftigt Sandra, die seit mehr als zehn Jahren dabei ist. Durch die Mitarbeit von Gefl\u00fcchteten w\u00e4ren neue Themen und Perspektiven zusammengekommen. Gerade die Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, die Schauspieler*innen am eigenen Leid erfuhren, war nicht nur etwas Neues, sondern h\u00e4tte auch bei vielen innerlich etwas ausgel\u00f6st. Dies hatte auch einen Nebeneffekt. W\u00e4hrend der Produktion \u201eThis is not my story\u201c waren zwei Mal an die 200 Zuschauer*innen im Union anwesend. Die Schlange vor der Theatert\u00fcr h\u00e4tte bis zum Coop gegen\u00fcber gereicht. Das Thema zog viele interessierte Menschen an. Das war vorher nicht der Fall, meint sie bestimmt.<br>In der hiesigen Performance st\u00fcnde Mahmouds Maske im Mittelpunkt. Sie biete einen Kontrast zu den restlichen Masken, erz\u00e4hlt Davide nach dem Auftritt beim Bier.<br>Sie dr\u00fccke alles aus, was du hier nicht bist. Gleichzeitig sollen in der Beschriftung von Mahmouds Maske den Zuschauer*innen exemplarisch die Tr\u00e4ume der Gefl\u00fcchteten mitgeteilt werden. Deshalb soll nicht nur die Geschichte eines Individuums erz\u00e4hlt werden, sondern eben auch ein Schicksal, das viele Gefl\u00fcchtete in der Schweiz teilen. Davide meint, er nehme wahr, dass die Gesellschaft leider viel zu wenig \u00fcber das Schicksal dieser Menschen wisse. Das merke er auch in der Basler Theodorskirche, wo er als Kinder und Jugendarbeiter die TheoBar leitet. Dort treffen sich Fl\u00fcchtlinge und Einheimische am Mittagstisch. Es fehle an einem generellen Bewusstsein, wie das wirkliche Leben von Gefl\u00fcchteten in der Schweiz aussehe, sagt Davide, kurz bevor er einen weiteren grossen Schluck aus dem Bierglas nimmt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"> <strong>Der utopische Raum<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4ss Staatssekretariat f\u00fcr Migration waren Ende 2016 118\u2019284 Fl\u00fcchtlinge in der Schweiz registriert.<br>Gemessen an der Schweizer Gesamtbev\u00f6lkerung besitzen gerade einmal 1,4 Prozent einen Fl\u00fcchtlingshintergrund. Finanziell gesehen w\u00e4re es kein grosser Aufwand, den die Schweiz f\u00fcr diese Gruppe aufwenden m\u00fcsste, kritisiert Davide.<br>Im Jahr 2016 betrugen laut Schweizerischer Fl\u00fcchtlingshilfe Ausgaben im Asylbereich 1,8 Milliarden Franken. Das sind 2,68 Prozent der gesamtbundesweiten Ausgaben. Durch die finanzielle Nachrangigkeit auf der politischen Agenda h\u00e4tte das Thema Fl\u00fcchtlinge nicht den Stellenwert, der ihm eigentlich entgegengebracht werden m\u00fcsste, kommen wir im Gespr\u00e4ch zum Schluss.<br>Erst diesen Juni liess Bundesr\u00e4tin Simonetta Sommaruga verlauten, bis Ende Jahr eine Integrationsagenda auszuarbeiten. Dabei soll es in erster Linie darum gehen, anerkannte Fl\u00fcchtlinge und vorl\u00e4ufig Aufgenommene in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Was passiert aber bis dahin \u2013 und vor allem wie sieht der Alltag von Mahmoud und Mohammed aus, die nicht im Schweizerischen Arbeitsmarkt integriert sind.<br>Aufgabe migrations- oder integrationskritischer Arbeit beispielsweise im Rahmen des Theaters kann es mitunter sein, Geschichten wie jene von Mahmoud und Mohamad Raum zu verschaffen, welche durch politisch gef\u00fchrte Diskurse um Flucht und Migration in Vergessenheit geraten sind. Die Theatergruppe Niemandsland bietet mit ihrem niederschwelligen Charakter in dieser Hinsicht eine Erweiterung. Zum einen stehen die einmal w\u00f6chentlich stattfindenden Proben allen interessierten Personen offen. Andererseits erm\u00f6glicht der schauspielerische Akt allen Personen, ihre pers\u00f6nliche Geschichte jeweils ganz individuell erz\u00e4hlen zu d\u00fcrfen.<br>Davide gibt zu verstehen, dass alle Faktoren, die Menschen diskriminieren oder schubladisieren, in ihr Konzept aufgenommen w\u00fcrden und damit in den Proben gearbeitet werde. Allerdings w\u00e4re ihnen als Gruppe wichtig, mit der Kritik \u00fcber die Probleme hinauszugehen und mit diesen k\u00fcnstlerisch zu arbeiten.<br>Der utopische Raum, erkl\u00e4rt mir Davide, sei die zentrale Arbeit der Theatergruppe.<br>Utopisches Denken widerspiegle das Versprechen, sich eine andere Welt auszudenken. Die migrationskritische Wissenschaftlerin Mar\u00eda do Mar Castro Varela sieht in der Utopie eine \u00abmobilisierende Kraft\u00bb. In \u00abUnzeitgem\u00e4sse Utopien\u00bb h\u00e4lt sie fest: \u00abWas auch besagt, dass eine&nbsp;<em>andere Welt<\/em>&nbsp;notwendig ist, geht doch mit vision\u00e4ren Entw\u00fcrfen immer der Wunsch einher, auf die bestehenden Gesellschaftsstrukturen und normativen Setzungen Einfluss zu nehmen und in gesellschaftliche Diskursfelder [\u2026] einzugreifen\u201c. Sie schreibt weiter, im Erfragen von Utopien w\u00fcrden gewissermassen kritische R\u00e4ume er\u00f6ffnet. \u201eDiese R\u00e4ume sind sowohl virtuell als auch materiell vorhanden. Wir treffen auf&nbsp;<em>Gedanken<\/em>geb\u00e4ude ebenso wie auf R\u00e4ume, die kritisches Potential beherbergen\u00bb.<br>Insofern bietet der utopische Raum Gefl\u00fcchteten wie Mohamed und Mahmoud M\u00f6glichkeiten, ihre Tr\u00e4ume in kreativen Widerstand zu verwandeln, wenn sie der Arbeitsmarkt nicht auff\u00e4ngt<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong>Die Stimmen von Mahmoud und Mohamad<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Mahmoud befindet sich seit 4 Jahren in der Schweiz. Er habe 8 Geschwister, fast alle leben in der Zwischenzeit irgendwo verstreut in Europa, einer seiner Br\u00fcder lebe in den USA. Seine Mutter sei nach wie vor in Syrien, sein Vater w\u00e4re vor dem Krieg verstorben. Mahmoud stammt aus Daraa im S\u00fcden Syriens. Er sei alleine geflohen und w\u00e4hrend 3 Monaten unterwegs gewesen. Gef\u00fchlte 3 Jahre, wie er mir berichtet, zu Fuss, mit dem Schiff und Flugzeug. Zuerst sei er nach Jordanien geflohen, dann in die T\u00fcrkei, immer wieder war er tagelang zu Fuss unterwegs. Auf einem Schlauchboot sei er dann auf eine griechische Insel gebracht worden. Nach einem Monat in Griechenland h\u00e4tte er sich in ein Flugzeug gesetzt und sei in die Schweiz geflogen. Da er aus dem EU Raum in die Schweiz einreiste, konnte er unbemerkt die Passkontrolle passieren und sei einfach in ein Taxi gestiegen. Rund 10\u2019000 Euro habe er insgesamt an unterschiedliche Schlepper bezahlen m\u00fcssen, davon k\u00f6nnte er in Syrien ein Gesch\u00e4ft aufmachen.<br>W\u00e4hrend wir auf dem Festivalgel\u00e4nde herumschlendern, z\u00fcckt Mahmoud sein Smartphone aus der Tasche und zeigt mir eine Mail einer amerikanischen Firma in der Schweiz, bei der er gute Aussichten auf eine Lehrstelle hatte. Da Syrien auf der US-Liste der Embargol\u00e4nder st\u00fcnde, k\u00f6nne ihm die Firma bedauerlicherweise keine Lehrstelle anbieten, obwohl er sehr gut ins Team passen w\u00fcrde.<br>Mahmoud erz\u00e4hlt, nach seiner Ankunft in der Schweiz w\u00e4re das anf\u00e4ngliche Gef\u00fchl von einer Pause sehr schnell in ein Gef\u00fchl von Gefangensein \u00fcbergegangen. Er wisse nicht, warum ihn nach 4 Jahren noch immer das Gef\u00fchl plage, ein schlechter Mensch, ein Araber und ein Gefl\u00fcchteter zu sein. Er teile seit 4 Jahren ein Zimmer mit drei M\u00e4nnern in einem solothurnischen Wohnheim. Hier sei er nach wie vor ein Niemand, der sich durch Putzarbeit monatlich ein paar Hundert Franken dazu verdiene.<br>Er werde von den Menschen zwar gut behandelt, dennoch frage man ihn nicht, wie es ihm gehe, sondern ob er gerne Schweizer Schokolade m\u00f6ge, und lacht dabei. \u201eWas ist das f\u00fcr ein Leben?\u201c Er sei traurig, weil er nicht die gleichen Chancen bekomme wie andere, zum Beispiel Mohamad, der neben uns sitzt und mith\u00f6rt.<br>Als Schauspieler spiele er nur St\u00fccke, die etwas mit Gef\u00fchlen zu tun haben, berichtet Mahmoud. Er k\u00f6nne nur so die Menschen erreichen. Zudem m\u00fcsse er im Theater nicht immer in der deutschen Sprache kommunizieren. Auf Authentizit\u00e4t werde sehr viel wert gelegt in den Proben. Denn in Arabisch w\u00e4re seine Stimme eine ganz andere, erkl\u00e4rt er mir.<br>Eine gewisse Traurigkeit begleitet seine Worte, w\u00e4hrend dem er seine Biographie schildert.<br>Auf der B\u00fchne entstehen eben Momente, wo er sich und nichts verstecken m\u00fcsse. Auf der B\u00fchne sei er der Chef, denn es w\u00e4re schwierig damit umzugehen, sich st\u00e4ndig in Geduld zu \u00fcben und warten zu m\u00fcssen. Er hoffe darum auf morgen, ob etwas komme. \u201eIch bin ein Apfel, der in einer Bananenkiste hockt\u201c, stellt er fest.<br>Wie Mahmoud, stammt auch Mohamad aus Syrien, allerdings aus dem kurdischen Teil. Er floh mit seiner Familie nach Istanbul. Dort arbeitete er 3 Monate in einer Textilfabrik, um seine Weiterreise zu finanzieren. Danach trennten sich ihre Wege. Seine Eltern gingen zur\u00fcck nach Erbil. Mohamad gelangte mit einem Schlepper \u00fcber die Grenze bis nach Ungarn, wo er Asyl beantragte. \u00dcber \u00d6sterreich reiste er schliesslich in die Schweiz und kam im Kanton Baselland in einem Wohnheim unter. Ein Bruder wohne im Kanton Jura, den besuche er regelm\u00e4ssig und inzwischen sei dieser mit einer Syrerin verheiratet. Auch er musste an die 10\u2019000 Euro an verschiedene Schlepper entrichten. Ein Haufen Geld sei das. Mohamad wollte nach der Matur Agraringenieurwesen studieren. Jetzt ist er hier, 21 j\u00e4hrig und hat ein Strahlen im Gesicht.<br>2015 hat alles noch anders ausgesehen. Er sass im Gef\u00e4ngnis und wurde nach 3 Monaten in Begleitung von Beamten an den Flughafen gebracht. Gem\u00e4ss Dublinabkommen m\u00fcsste er in jenes Land zur\u00fcck, in dem er seinen Asylantrag stellte. In seinem Fall war dies Ungarn. Am Flughafen h\u00e4tte er sich heftig gewehrt. Die Beamten h\u00e4tten es nicht geschafft ihn ins Flugzeug zu bringen. Schliesslich startete das Flugzeug ohne ihn.<br>Der Juni sei ein guter Monat, erz\u00e4hlt er mir. Er habe Deutsch gelernt, er h\u00e4tte Freunde und seit kurzem lebe er in einer Wohngemeinschaft. Er hat einen Lehrausweis bekommen. Im August beginne er an der Gewerbeschule einen Chemievorkurs. Danach k\u00f6nne er eine Lehre beginnen, aber er sei sich noch nicht sicher, was er machen will. Es sei ein Anfang, l\u00e4chelt er zufrieden.<br>Im Theater w\u00fcrde er keine Grenzen erleben. Draussen schon, er konnte als Gefl\u00fcchteter mit N Ausweis nicht einmal ein U-Abo kaufen; dies w\u00e4re schon eine Grenze gewesen. Auch war ihm der Besuch einer Sprachschule nicht erlaubt. Jetzt k\u00f6nne er schon mehr machen.<br>Theaterspielen g\u00e4be ihm Kraft, es sei eigentlich wie eine Familie, f\u00fcgt er noch hinzu. Mohamed erkl\u00e4rt, im Unterschied zum letztj\u00e4hrigen St\u00fcck \u201eThis is not my story\u201c ginge es in der jetzigen Auff\u00fchrung nicht mehr um das traurige Schicksal aller Gefl\u00fcchteten, sondern auch um seine Geschichte. Er k\u00f6nne hier seine pers\u00f6nliche Geschichte erz\u00e4hlen und was er machen will und \u00fcber seine Tr\u00e4ume erz\u00e4hlen. Mohamad w\u00fcnscht sich ein selbstbestimmtes Leben. Er m\u00f6chte ein Leben, wie dies andere auch haben. Wie Mahmoud m\u00f6chte Mohamad nicht mehr darauf warten m\u00fcssen, dass f\u00fcr ihn entschieden wird. Es wird jedoch immer besser, entgegnet er selbstbewusst. In Syrien g\u00e4be es nur Probleme, aber keine L\u00f6sung. Hier in der Schweiz gibt es immer eine L\u00f6sung, man muss es nur versuchen.<br>Mohamads Perspektiven stehen besser als ihm im St\u00fcck anerboten wird beispielsweise mit dem Nachbarshund Gassi zu gehen. Die Grenze kann er indessen noch nicht \u00fcberqueren; diese kann er vorerst nur im Theater \u00fcberschreiten.<br>Die aktuelle Performance stellt die individuelle Geschichte der Akteure in den Vordergrund. Der utopische Raum bietet hierf\u00fcr Aussichten, jeweils individuell seine Tr\u00e4ume zu leben. Dennoch kann vielleicht kritisch angef\u00fcgt werden, dass gerade in der Einheitsmaske von Schauspieler*innen eine \u201eidealisierte Homogenit\u00e4t\u201c (Castro Varela) hergestellt wird und das Ich durch das Wir \u00fcberschattet. Mit oder ohne Maske gelingt es durch das szenische Wechselspiel sowie einer Portion Poetik, den im St\u00fcck vorgestellten Stimmen eine B\u00fchne zu bieten. Diejenigen von Mahmoud und Mohamad sind im Publikum jedenfalls angekommen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><strong> <strong>Die Stimmen von Mahmoud und Mohamad<\/strong><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-6c531013 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p class=\"has-text-align-left has-heading-font-family\" style=\"font-size:clamp(0.929rem, 0.929rem + ((1vw - 0.2rem) * 0.785), 1.4rem);line-height:1.2\"><em><em><em><em><em><em><em>\u201eDie Leute geben mir nicht die M\u00f6glichkeit etwas zu zeigen. Auf der B\u00fchne bin ich der Chef. Ich bin hier und ich will etwas zeigen und ich will die Leute abholen.\u201c <\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:var(--wp--preset--spacing--10);width:0px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer wp-container-content-5cee9cb3\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-2dc08cea wp-block-group-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-thumbnail is-resized has-custom-border\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verso-190926-7907-150x150.jpg\" alt=\"Mahmoud Al Hariri\" class=\"wp-image-321\" style=\"border-radius:100px;width:160px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"margin-top:var(--wp--preset--spacing--10);margin-bottom:0\"><a href=\"http:\/\/sonono.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mahmoud Al Hariri<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-contrast-3-color has-text-color has-small-font-size\" style=\"font-style:normal;font-weight:300\"><em><span class=\"stk-highlight\" style=\"color: #aaaaaa;\">Schauspieler in<\/span> Theater Niemandsland<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-6c531013 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p class=\"has-text-align-left has-heading-font-family\" style=\"font-size:clamp(0.929rem, 0.929rem + ((1vw - 0.2rem) * 0.785), 1.4rem);line-height:1.2\"><em><em><em><em><em><em><em><em><em><em> \u201eDieses Mal m\u00f6chte ich etwas anderes erz\u00e4hlen. Nicht wie ich gefl\u00fcchtet bin oder die Fluchtgeschichte, sondern was ich machen will, Tr\u00e4ume vielleicht.\u201c<\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:var(--wp--preset--spacing--10);width:0px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer wp-container-content-5cee9cb3\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-content-justification-center is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-2dc08cea wp-block-group-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-thumbnail is-resized has-custom-border\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/5e479e92-mohamad-150x150.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-930\" style=\"border-radius:100px;width:160px\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"margin-top:var(--wp--preset--spacing--10);margin-bottom:0\"><p style=\"display: inline !important;\">Mohamad<\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-contrast-3-color has-text-color has-small-font-size\" style=\"font-style:normal;font-weight:300\"><em><span class=\"stk-highlight\" style=\"color: #aaaaaa;\">Schauspieler in<\/span> Theater Niemandsland<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDieses Mal m\u00f6chte ich etwas anderes erz\u00e4hlen\u201c Der utopische Raum bietet Gefl\u00fcchteten wie Mohamed und Mahmoud M\u00f6glichkeiten, ihre Tr\u00e4ume in kreativen Widerstand zu verwandeln, wenn sie der Arbeitsmarkt nicht auff\u00e4ngt. Die Mehrheit der Zuschauerinnen macht es sich behelfsm\u00e4ssig auf Holzhockern bequem. Wir sitzen im Freien und schauen auf eine im Triumphbogenstil konzipierte B\u00fchne im Holzparkgel\u00e4nde [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":866,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-258","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reportagen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/16601563_10211810742884797_3454105009926885891_o.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=258"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2474,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/258\/revisions\/2474"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/866"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theaterniemandsland.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}